Die Astrologie versteht unseren Kosmos (altgriechisch:
die Ordnung) als einen gewaltigen energetischen Organismus, dessen
Teile mit dem Ganzen in immerwährender, rhythmischer Wechselwirkung
verbunden sind. Es gilt das hermetische Gesetz, das da lautet: "das was
oben ist, entspricht dem, was unten ist und das, was innen ist,
entspricht dem, was außen ist". Im Größten wie im Kleinsten herrschen
also die entsprechenden
Gesetzmäßigkeiten. Der Mensch als Mikrokosmos enthält alles, was im
Universum existiert.
Die Astrologie denkt also in Analogien und nicht, wie
wir es gewohnt sind kausal. Für die auf die materielle, also endliche
Welt bezogene Wissenschaft - und in diesem Denken sind wir alle als dem
"alleingültigen" erzogen worden – führt nur das Ursache-Wirkungsprinzip
zu Erkenntnissen über unsere Welt. Sie kann uns
beispiels- weise von den physikalischen Wirkungen des Mondes auf unser
Leben berichten, sie untersucht also das "Wie" der Zusammenhänge,
während die Astrologie darüber hinausgeht und nach dem "Warum" fragt.
Sie ist final, auf das Erreichen bestimmter Lebensziele gerichtet. Es
wird weniger nach dem Zweck, als nach dem eigentlichen Sinn eines
Geschehen und damit nach seinen
Entwicklungs- möglichkeiten gefragt.
Die Astrologie kann als die Lehre von den Urprinzipien
verstanden werden, aus denen alle Schöpfung und damit natürlich auch
wir Menschen ent- bzw. bestehen. Sie bedient sich eines "vertikalen"
Denkens. Nach dieser Vorstellung gehen die genannten kosmischen
Urkräfte von einer Quelle (dem Göttlichen oder dem Absoluten) aus und
durchpulsen, sozusagen "senkrecht" alle Ebenen des Seins vom
Geistigsten, Feinstofflichsten und verdichten sich immer mehr bis hin
zur grobstofflichen Materie, die uns umgibt. Auf diesem Weg gehen sie
immer kompliziertere Verbindungen miteinander ein und so entsteht die
Vielfalt der Dinge. Und je nachdem, auf welche stoffliche Ordnung diese
inhaltlichen Urkräfte oder Archetypen treffen, kleiden sie sich in die
dieser Ordnung entsprechenden Form. Im Menschen bezeichnen wir sie als
Geistes- oder Seelenkräfte oder auch als körperliche Funktionen, je
nachdem, welche Ebene des "Gesamtwesens Mensch" wir eben betrachten.
Nehmen wir beispielsweise das Prinzip Saturn. Zu ihm
gehören Eigenschaften wie
Konzentration, Struktur, Leistung, aber auch Mangel oder Enge. Auf
körperlicher Ebene führt diese Enge zu Unterfunktion oder
Unterversorgung, auf seelisch-psychischer zu Angst oder Frustration,
auf geistiger Ebene ergibt sie engstirniges oder kleinkariertes Denken.
Alles, was
"zwischen Himmel und Erde" existiert, sich formt und wieder vergeht,
beruht auf dem Wirken dieser Kräfte. Dieses ewige Urgeschehen, das sich
täglich neu gestaltet, für jeden in der seinem Bewusstseinsstand
entsprechenden Weise, ist im Horoskop symbolisch abgebildet.
Wie oben erwähnt, wirkt jedes Lebewesen als
Mikrokosmos entsprechend seiner Lebensaufgabe
an der universalen Ordnung (dem göttlichen Plan?) des Makrokosmos mit.
Der Tierkreis nun bildet die zwölf archetypischen Energiemuster oder
–felder, die Urbausteine dieser Ordnung, den "Stoff", aus dem Alles
besteht oder sich bilden kann. Es sind die zwölf Grundstadien oder
Räume menschlicher Erfahrungs- möglichkeit. Im Mythos muss der Held des
Vaters Haus verlassen, um sich auf den Weg zu machen, diesen
Urerfahrungen in tausenderlei Gestalt zu begegnen, sie als solche zu
erkennen und durch Freud' und Leid schließlich an ihnen zu wachsen.
Das Leben also als Einweihungsweg, letztlich als "Jakobsleiter" zurück
zum göttlichen Ursprung, von dem aus wir einst die mühsame, aber
lohnende Reise begonnen haben.
Als Überträger der im Tierkreis ruhenden
Primärenergien fungieren die zehn Planeten. Diese universalen Wirkprin-
zipien oder Gestaltkräfte manifestieren sich in allen Naturreichen,
also im menschlichen, tierischen, pflanzlichen und mineralischen. Sie
beinhalten die Information, ohne die sich Materie nicht gestalten kann.
Sie sind die Kräfte des Menschen, aus deren hochspezifischem
Zusammenwirken sich seine Persönlichkeit bildet und zwar auf den drei
Grundebenen von Körper, Seele und Geist.
Auswirken tun sich diese Planetenenergien also auf
die konkrete Welt des Menschen, auf die Lebensbereiche, an denen sich
das Anlagepotential des Menschen entwickeln soll, wo sich sein
Schicksal vollzieht. Dies ist also die dritte Ebene, die Ebene der
zwölf Häuser, mit der die Astrologie arbeitet.
Die individuelle Verteilung der genannten "Energiebausteine" im
Horoskop weist den Weg der Umsetzung des Entwicklungsplanes in der
Zeit, der Aktualisierung eines Anlagepotentials und damit die Erfüllung
des Lebensauftrages, den diese Inkarnation beinhaltet.
Im Horoskop haben wir also die Möglichkeit, uns in
unseren komplexen Strukturen zu erkennen und zu erkunden, wann und wo
welche Aufgaben auf uns zukommen, an denen unser Wachstum stattfinden
soll und welches Instrumentarium uns dafür zur Verfügung steht. Die
Astrologie kann uns also helfen, die Gesetze der inneren und äußeren
Natur zu erkennen, um so Schritt für Schritt den Weg der Individuation
und Sozialisation zu gehen, damit die so erworbene Selbsterkenntnis uns
zur Gotteserkenntnis, unserem eigentlichen Lebensziel führt.
Die große Kunst – und als solche möchte ich die
Astrologie in erster Linie bezeichnen – liegt nun darin, die als
Planetensymbole verschlüsselten Wirkkräfte in der schier unendlichen
Vielfalt ihrer Ausdrucksmöglichkeiten für das menschliche Leben zu
decodieren, aus ihrer Anordnung im Horoskop also die Fülle menschlichen
Verhaltens, Bemühens, Sehnens und Erlebens zu erkennen und daraus die
Grundzüge seines Lebensweges oder auch nur eines aktuellen Problems zu
zeichnen.
Ganz wesentlich wird die Deutung von dem Bewusstsein
des oder der Klientin abhängen, denn es sind immer die selben
Prinzipien, die uns bestimmen. Aber ich kann eine Kraft, z.B. den Mars
sehr unbewusst, also unreif leben und folglich unentwegt in
irgendwelchen Streitigkeiten verwickelt sein
oder ihn im Einsatz für ein hohes gemeinschaftliches Ziel
verwirklichen. Auch das wäre
"Mars".
Und wer sein Gesamtpotential auf einer solchen Ebene lebt, wird sein
Schicksal besser im Sinne des
"Werde, der Du (in der Anlage schon) bist" gestalten können als einer,
der erst durch sogenannte Schicksalsschläge aufwachen muss.
Der Astrologe kann immer nur hilfreich sein, solange
er nicht die Grenzen seines eigenen Bewusstseins überschreitet. Schon
auch deshalb erfordert diese so stark in das Leben anderer eingreifende
Tätigkeit eine ständige Weiterentwicklung des eigenen Horizontes.